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Die CDs des Jahres 2010.

Alea iacta est: Nachdem ich mich letztes Jahr mit dem Prog-Virus angesteckt hatte (dank Mastodon, siehe die CDs des Jahres 2009), folgte im 2010 glücklicherweise passender Nachschub, was sich auch in meinen diesjährigen Top Ten niedergeschlagen hat. Hier sind sie also, die 10 Lieblingsalben des Jahres 2010.

  1. Pain Of Salvation: Road Salt One
    Die schwedischen Rockgötter um Mastermind Daniel Gildenlöw beschreiben ihr neuestes Werk selbst gleich am Besten: «Road Salt One» is 13 tracks of sweaty gravel, asphalt butterflies, untrodden paths and brave decisions. It will not beg for your liking, it will not make excuses, it will not carry you safely across the dangerous waters. If you don’t pick up its pace it will leave you stranded at the curb of the road. Yes, «Road Salt One» might indeed be a harsh lover, but if you have the guts to follow it whole-heartedly and dare to surrender to its rhythm, it will take you places you need to visit. Selten habe ich eine (Prog-Metal-) Band gehört, die emotionale Tiefe und intensive Power so gekonnt vereint. Diese Songs erfordern die Bereitschaft, sich hinzusetzen und zuzuhören. Wer sinnloses Gehämmere erwartet, wird derb enttäuscht sein. Wer allerdings hochstehende Kompositionen und stimmungsvolle Abwechslung mag, wird dieses Album lieben. Ein Tipp: unbedingt das Digipack kaufen, dort ist zusätzlich ein hörenswertes (wenn auch kurzes) Intro drauf sowie um je 1–2 Minuten längere Versionen von zwei prägenden Songs. Und das Beste am Ganzen: man darf sich (wahrscheinlich) auf Road Salt Two freuen!
    Anspieltipps: No Way, Linoleum, Road Salt.
  2. Earl Greyhound: Suspicious Package
    Ein junger Hippie, eine knackige Afro-Dame und ein älterer Kerl mit Sonnenbrille mit viel Sinn für Soul, höllischen Groove und breitbeinigen Rock erheben Anspruch auf das Led-Zeppelin-Erbe. Auf ihrem wunderbar verschwitzt-dreckigen zweiten Album zelebrieren Earl Greyhound nämlich anachronistisch anmutenden Rock’n’Roll mit allerlei Zitaten der guten alten 70ies, etwas Latino-Rhythmen à la Santana und ein wenig 90er-Grunge als Würzmischung obendrauf. Und solch guter Rock weiß auch, wann es geboten ist, mal den Fuß vom Gas zu nehmen. Gegen Ende des Albums schicken Earl Greyhound drei eher nachdenkliche, soulgetränkte Balladen auf die Piste. Auch hier passt einfach alles: Melodien, Arrangements, Spielfreude. Wie eigentlich auf dem gesamten, bärenstarken Album dieses verschrobenen Trios aus New York.
    Anspieltipps: Oye Vaya, Shotgun, Bill Evans.
  3. LCD Soundsystem: This Is Happening
    Achtung, elektronische Tanzmusik für Erwachsene! James Murphy hat seinen Hybriden aus Dance und Punk zur Vollendung gebracht. Tolle Disco-House-Jams und windschiefe (Punk-) Rocker lassen die Discokugel glitzern. Der ältliche Dancefloor-Teddybär hat die Gabe, auch Nichttänzer zum Tanzen zu bringen.
    Anspieltipps: Drunk Girls, You Wanted A Hit, Pow Pow.
  4. Motorpsycho: Heavy Metal Fruit
    Gleich nochmals Progrock, und nochmals aus dem hohen Norden: bereits im Januar 2011 kam dieser mächtige Brocken von einem psychedelischen Album um die Ecke, und verschwand nie mehr von meinem iPhone. Sperriger als Pain Of Salvation reitet die norwegische Jamrock-Legende ihre Riffs mit der Entschlossenheit von Schwermetallern, entwickelt hochdynamische Musik-Monumente ohne einen einzigen geraden Takt (welch ein Metal-Jazz-Drummer!) und trumpft gleichzeitig mit grossen Popchorälen und kontrollierten Improvisation auf: Soundwelten von epischer Weite und bis zu 20 Minuten Umfang. Im Mai 2011 soll offenbar ein Konzert in der Schweiz stattfinden – every news are welcome!
    Anspieltipps: Starhammer, X-3 (Knuckleheads In Space)/The Getaway Special, The Bomb-Proof Roll And Beyond.
  5. Inlove: Stories
    Inspiriert von Stevie Wonder, Dusty Springfield, Sade oder Feist und von dem für seine Jazz-Hip-Hop-Ästhetik bekannten DJ Cam produziert, präsentiert uns das französische Model mit nigerianischen Wurzeln ihr Schlafzimmer-Soul-Debüt. Diese wundersam zarten, eindringlichen Hymnen schmeicheln sich unaufhaltsam in die Gehörgänge, sehr verführerisch und sexy. Man(n) möchte seiner Liebsten sogleich ins Ohr flüstern: Hey Baby, lass uns heute abend feiern. Ich werde für dich kochen. Ich werde dich verwöhnen. Ich schenke dir den Wein ein. Alles was du machen musst, ist dich schon mal nackt vor den Kamin legen… Kurz, man hätte diese Platte am Valentinstag veröffentlichen sollen.
    Anspieltipps: For Minnie Riperton, The Sweetest Pain, Rock With You.
  6. Sophie Hunger: 1983
    Es ist schon verblüffend, aber die Bernerin Sophie Hunger hat es tatsächlich geschafft, mit «1983» einen Nummer-Eins-Hit in der Schweiz zu landen, ohne intensiv im Radio gespielt zu werden oder einen Singlehit abgeliefert zu haben. Die frischgebackene Swiss-Award-Gewinnerin in der Kategorie «Show» avancierte damit auch gleich zum blendendsten Schweizer Musik-Export der Gegenwart – es gibt nicht viele Schweizer Künstler, die auch über die eidgenössichen Landesgrenzen für Furore sorgen. Mit ihrer etwas rotzigen Stimme und zurückhaltendem Charme singt sie gleich in vier Sprachen – Französisch, Deutsch, Englisch und Schweizerdeutsch. Dazu lässt sie sich von ihrer famosen Band begleiten und spielt selbst Klavier oder Gitarre. Das bringts live eindeutig am Besten: kaum ein Song, der nicht überrascht und anders als auf dem Album daherkommt. Erst im Rahmen eines intimen Konzerts (wie z.B. am 10.4. im Dachstock, wo sie schon mit dem ersten Song – Dia Fahrende – und einzig ihrer Stimme als Waffe alle Zuhörer gefangen nahm) erzeugt ihre Musik die volle Wirkung, nämlich Gänsehaut!
    Anspieltipps: 1983, Your Personal Religion, Le Vent Nous Portera.
  7. Arcade Fire: The Suburbs
    An ihnen führte in diesem Jahr kein Weg vorbei: nachdem ich mit ihren ersten beiden Alben «Funeral» und «Neon Bible» nie richtig warm wurde, haben die kanadischen Indie-Rock-Lieblinge rund um das Ehepaar Win Butler und Regine Chassagne mit etwas Verspätung auch mein Herz erobert. «The Suburbs» ist ein so genannter Grower, dessen Schönheit sich erst mit dem mehrfachen Hören erschliesst. Aber dann umso heftiger – die Vielschichtigkeit von Arcade Fires Musik zeigt sich hier voll und ganz, einmal tönen sie wie QUOTSA (Month Of May), ein andermal wie Blondie (Sprawl II). Ein Meisterwerk!
    Anspieltipps: The Suburbs, Ready To Start, Month Of May.
  8. Sofa Surfers: Blindside
    Das österreichische Elektronik-Dub-Kollektiv rund um Markus Kienzl hat – zum zweiten Mal nach 2005 – eine echte Rockplatte mit Gitarrist, Schlagzeuger und einem richtigen Sänger eingespielt. Und dieser Mani Obeya hat eine samtene Soul-Stimme wie Seal, die einen schönen Kontrast zur eher schweren, an Massive Attack erinnernden Musik darstellt. Diese hält sich zwar an den bekannten schleppenden Downbeat-Stil, geht aber dank harten Gitarren-Riffs ziemlich nach vorne ab.
    Anspieltipps: Playing The Game, Hardwire, Sinus.
  9. Warpaint: The Fool
    Auf ihrem in Europa heiß ersehnten Debüt präsentieren die vier Damen aus Los Angeles eine Melange aus dunkler Elfen-Musik, mitreißendem Post-Rock und melodiösem, aber angenehm verschlurftem Indiepop. Melancholie bleibt hierbei die allgegenwärtige Referenz des enorm homogenen Erstlingswerks der Sirenen in Slowmotion. Zum Jahresende hat die BBC ihre bekannte «Sound of 2011: The Longlist» mit den vielversprechendsten Newcomern fürs neue Jahr bekanntgegeben, darunter auch ebendiese Warpaint.
    Anspieltipps: Warpaint, Undertow.
  10. Sharon Jones & The Dap-Kings: I Learned The Hard Way
    All die Amys, Duffys, Adeles & Co. haben in den vergangenen Jahren den Boden bereitet für das grosse Comeback des «echten» Souls. 2010 war es nun soweit: Aloe Blacc, Cee-Lo Green, Plan B oder John Legend/The Roots veröffentlichten allesamt grossartige Alben, die den Geist von Curtis Mayfield, Marvin Gaye und Bill Whiters atmen und demonstrierten damit die Bedeutung von handgemachten Oldschool-Soul. Und über allen trohnte Sharon Jones. Die 53-jährige New Yorkerin hat Jahre dafür gekämpft, endlich gehört zu werden. Es scheint, als wäre sie und ihre Begleitband The Dap-Kings endlich angekommen.
    Anspieltipps: The Game Gets Old, I Learned The Hard Way, Mama Don’t Like My Man.

Tja, das wars. Hurts mit «Happiness» (und dem vielleicht besten Song des Jahres, «Wonderful Life»), Broken Bells (das selbstbetitelte Debut von Danger Mouse [Gnarls Barkley] und The-Shins-Frontmann James Mercer), Caribous «Swim», das alles niederrockende «Warp Riders» von The Sword, Bonapartes verrücktes «My Horse Likes You», The Young Gods mit ihrem neuesten Epos «Everybody Knows», Shy Child mit «Liquid Love» (Adult oriented Disco mit Wohlfühl-Vibes und Fleetwood-Mac-Schnipseln) und Fritz Kalkbrenners «Here Today Gone Tomorrow» (der kleine zeigte dem grossen, berühmten Bruder Paule gleich mal, wie man abwechslungsreiche Beats produziert) schrammten haarscharf an den Top-Platzierungen vorbei.

Und dann gibt es noch eine «alte» Neuentdeckung von mir zu erwähnen: Mother Tongue – eine Mischung aus Red Hot Chili Peppers, Rage Against The Machine und Pearl Jam – konnten zwar 2010 nicht mit einem neuen Album aufwarten, beglückten ihre Fans aber anlässlich ihres 20-jährigen Jubiläums mit einer ausgedehnten Deutschland-Tour und boten entsprechende Bootlegs zum freien Download auf ihrer Website an. Enjoy and play it loud!

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3 Comments

  • Reply jj

    Gut gebrüllt, Säne,
    ich kann Deiner Liste nur kopfnickend zustimmen, Earl Greyhound, Motorpsycho und Sophie Hunger hätten’s bei mir auch in die Top Ten geschafft. Dann freu ich mich auf Pain Of Salvation! Und zu Sophie Hunger kann ich nur sagen: kauft ihre Alben und geht an ihre Konzerte, denn ein solches Talent hat die Schweiz schon seit Jahrzehnten nicht mehr gehört und live ist sie eine Wucht!

    JJs CDs 2010:

    1. Oceansize – Self Preserved While The Bodies Float Up

    Sperrig? Ja! Herausfordernd? Ja! Anspruchsvoll? Ja! Ein Meisterwerk? Absolut! Die vier Jungs aus Manchester setzen dem Progrock mittlerweile seit über 10 Jahren – fantastisches Live-Box-Set zum Jubiläum! – die Hörner auf und zelebrieren auf ihrem vierten Album von brachialster Härte bis zu von Geigen unterstütztem Engelsgesang die gesamte Bandbreite ihres herausragenden musikalischen Könnens. Einfach genial!

    2. The National – High Violet

    The Boxer war ja schon eine Nummer für sich, mit High Violet schippen die Mannen aus Ohio und mittlerweile Wahl-NewYorker noch einen drauf. Matt Berningers unverwechselbarer Bariton und die fein arrangierten und instrumentierten Songs umarmen dich mit warmer Melancholie und das Album wächst und wächst mit jedem Durchlauf. Der Grower des Jahres.

    3. Interpol – Interpol

    Diese Gitarre und diese Stimme gibt’s nur bei ihnen, dafür sind sie meine ewigen Helden! Paul Banks‘ Gesang ist auf ihrem vierten Album noch schöner und expressiver geworden und die ewig melancholische Gitarre von Daniel Kessler kreist über den Songs. Ich freu mich schon auf ihr Zürcher Konzert im April, denn die absolute Verweigerung jeglicher Kommunikation mit dem Publikum passt so schön zu dieser Band und ist ja auch irgenwie ein Statement.

    4. Pulled Apart By Horses – Pulled Apart By Horses

    Die spinnen die Briten! Nach dem atemberaubenden Hardcore-Punk Highlight von Ghost of a Thousand aus 2009 stehen im 2010 die nächsten Spinner von der Insel am Start. Und sie nehmen in wahnwitzigen 3-Minuten-Songs den Hardcore so richtig auseinander und punken ihn an die Wand. Sänger Tom Hudson schreit sich wahnsinnig schön die Seele aus dem Leib und in den besten Momenten klingt die Rhythmus-Sektion wie RATM auf Speed.

    5. Wintersleep – New Inheritors

    Meine Lieblingskanandier haben wieder zugeschlagen. Nach dem wunderbaren Into the Night Sky legen die Halifaxer nach und feiern in zwölf Songs ihren subtilen Indie-Rock. Diesmal haben sie den Dreck fast ganz draussen gelassen, klingen manchmal wie die frühen R.E.M., einfach besser, und Paul Murphy’s Stimme nimmt dich spätestens nach dem dritten Anlauf endgültig gefangen.

    6. Deftones – Diamond Eyes

    So schön tief gestimmt hat die Gitarren in 2010 niemand. Ohne ihren im Koma liegenden Bassisten finden die Deftones zu ihren alten Stärken zurück und hauen dem geneigten Publikum einen Brocken von Album entgegen, der dich staunend zurücklässt. Chino Moreno röhrt und keift wie in alten Zeiten und die Gitarren schütteln ein geniales Metal-Riff nach dem anderen aus dem Ärmel.

    7. Keelhaul – Keelhaul’s Triumphant Return To Obscurity

    Auch das ist Metal, allerdings von einem ganz anderen Stern! Die 1997 gegründeten Keelhaul aus Ohio brachten 2009 nach 5 Jahren Pause ein Album der Superlative heraus, mir haben sie sich erst in 2010 offenbart. Musik als höhere Gewalt, Bassläufe zum schwindlig werden, Gitarrenriffs auf der Achterbahn, das Schlagzeug als Metronom der Virtuosität. Brutal genial.

    8. Crippled Black Phoenix – I, Vigilante

    Das Kollektiv aus verschidenen englischen Postrock-Bands (Mogwai, Electric Wizard) hat sich auf dem neuen Album ganz dem 70er-Prog verschrieben und offenbaren in sechs wunderbar düsteren Songs echte musikalische Leidenschaft à la Pink Floyd. Männerstimme, Frauenstimme, da passt alles, einzig über den letzten (wirklich bescheuerten Song) lässt sich streiten.

    9. Black Mountain – Wilderness Heart

    Zweimal Kanada in den Top Ten und diese Combo reisst dich in einen psychedelischen Sog aus steilen Gitarrenwänden, rollenden Bassläufen und scheppernden Schlagzeugbecken. Das beste Frau/Mann-Sängerduo von heute harmoniert perfekt und beweist in den folk-angehauchten Balladen, das es auch ganz anders kann.

    10. Karnivool – Sound Awake

    Diese Australier riechen nach dem Prog der 90er (Albumcover) und sie klingen auch so. Aber wie! Das ganze Album ist eine einzige Verneigung vor Tool, A Perfect Circle und Dredg und in den besten Momenten singt Sänger Ian Kenny wie Master Keenan himself. Aber das mit einer Leichtigkeit und einer Klasse und unterstützt von einer handwerklich so einwandfreien Band, das man ihnen nicht allzu böse sein kann, dass sie wie ihre Vorbilder klingen.

    Das wär’s: Kylesa, Scumbucket, The Unwinding Hours, die Jungen Götter und The Sword hätten’s auch verdient gehabt.

    18. Februar 2011 at 19:51
    • Reply Sandro

      Hi jj,
      Danke für deinen Hammer-Kommentar. The National gefallen mir immer besser (Terrible Love und Bloodbuzz Ohio! Wäre wohl ein Grund im Juli auf den Gurten zu pilgern, oder?), Interpol hat bei mir immer noch nicht gezündet (irgendwie gefallen mir deren Zwillinge, die Editors, einfach besser…) und Black Mountain laufen bei mir inzwischen auf Heavy Rotation (The Hair Song und vor allem Old Fangs = Hammer!). Den Rest werde ich mir bei nächster Gelegenheit zu Gemüte führen.

      19. Februar 2011 at 13:37
  • Reply Sibylle

    Hurts missing? That hurts! Vieles wunderbar, anderes nicht ganz so gar 😉

    20. Januar 2011 at 22:48
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